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Das Rotlichtviertel in der Nachkriegszeit

1950-1970

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Gerhard Goller
Das Intermezzo und das Böblinger Bräustüble waren in der Färberstraße ansäßig. Das Sträßchen verlief zwischen Eberhard- und Hauptstätter Straße.

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Nach dem Krieg ist der Lebenshunger groß gewesen – in den „Vereinigten Hüttenwerken“ wurde er gestillt. Ende der siebziger Jahre riss man die Stuttgarter Amüsierbaracken ab. Gerhard Goller und Günther Rathgeb waren früher beruflich oft im Städtle. Ein Rückblick.

Von Viola Volland

Als die Jukebox Bill Haleys „Rock around the Clock“ spielt, gibt es in der Tivoli-Bar kaum noch ein freies Plätzchen. An der Theke drängen sich amerikanische Soldaten und deutsche Halbstarke mit Brillantine im Haar, Zigaretten im Mundwinkel und einem Glas Cuba Libre in der Hand. Es ist das Jahr 1958 und in den Bars an der Hauptstätter Straße sind die neuesten Rock'n'Roll-Singles zu hören.

Das hat sich auch zu Gerhard Goller und seinen Freunden herumgesprochen, die in ihren Kunstlederjacken versuchen, eine lässige Figur abzugeben. Nach der Tanzschule sind die Jugendlichen vom Marktplatz in die Tivolibar in die Altstadt gepilgert. Sie wollen die Schritte ausprobieren, die sie von ihrem Tanzlehrer nicht lernen. Für eine Mark bestellt sich der 16-jährige Goller sein erstes Bier und fühlt sich wie ein Großer. Den Jugendschutz nimmt man noch nicht so genau.

„Aber das war natürlich überhaupt kein adäquates Umfeld für Jugendliche“, sagt Gerhard Goller heute, ein halbes Jahrhundert später. Es ist trotzdem was aus ihm geworden. Mehr als vierzig Jahre, bis zu seiner Pensionierung, war er Leiter der städtischen Gaststättenbehörde. In der Zeit hat sich viel verändert. Jetzt ist die Theodor-Heuss-Straße mit ihren durchkomponierten Bars das Maß aller Dinge in Stuttgart. Umso schwerer vorstellbar, dass einmal aus Brettern und Spanplatten gezimmerte, bunte Baracken die angesagtesten Bars der Stadt beherbergt haben sollen. Fotos, die Goller in den Siebzigern geschossen hat, zeigen Gebäude, die aussehen, als gehörten sie zu einem Goldgräberstädtchen in Amerika. Auch an der Reeperbahn könnte man sich die Baracken vorstellen. Aber in der Hauptstadt der Schwaben?

Grellgelb leuchtete die Fassade der Colibri-Bar, die Bolero-Bar strahlte in schwülstigem Rot. Der Besitzer des Intermezzos setzte auf Lila, um von der billigen Fassade abzulenken und warb für „Porno Filme mit netter Unterhaltung“. Neben dem Eingang zur U-Bahnhaltestelle Rathaus lockten Karin, Brigitte und Christa in die Bar de l'Amour. Die Namen der hübschen Damen hatte der Wirt auf die Holzwand malen lassen, darüber einen stilisierten Sonnenaufgang.

Das Geschäft mit dem Vergnügen brummte in der Nachkriegszeit: in den Bars, den Tanzlokalen, vor allem aber in den Stripteaselokalen, den „Cabarets“, wie sie beschönigend genannt wurden. „Es war eine ganz andere Zeit“, sagt Günther Rathgeb, der ehemalige Leiter der Stuttgarter Schutzpolizei, der als junger Streifenpolizist in den fünfziger Jahren viele Abende im Städtle verbringen musste.

Wie Grashalme im Frühling sind die Stripteasebars Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger rund um die Eberhardstraße in die Höhe geschossen: schnell hochgezogene Bretterbauten, die den Lebenshunger der Menschen nach dem Krieg zu stillen versuchten. Daneben ebenso provisorisch gezimmerte Behelfsbauten, die als Läden und Wohnungen genutzt wurden. Für die einen war das Gebiet zwischen Hauptstätter und Eberhardstraße das „Sündenbabel Stuttgarts“, Oberbürgermeister Arnulf Klett nannte es die „Vereinigten Hüttenwerke“, ein Ausspruch, der sich durchsetzen sollte. „In den Vereinigten Hüttenwerken“, schrieb die Stuttgarter Zeitung im März 1974, „besitzt nur jede fünfte Wohnung Selbstverständlichke­iten wie Bad und WC, mitten in der Landeshauptstadt wurden selbst Betriebe ohne Toilette entdeckt.“

Letzteres machte schon den Polizeistreifen in den Fünfzigern zu schaffen, die angewiesen waren, an der Leonhardskirche Verwarnungsgelder zu kassieren, wenn die Nachtschwärmer ihre Notdurft am Gotteshaus verrichteten. „Besonders am Wochenende war es wie auf dem Volksfest, da schoben sich die Leute durch die Straßen“, erinnert sich Günther Rathgeb an diese Zeit, als er und seine Kollegen versuchten, in der Altstadt für Recht und Ordnung zu sorgen. US-Soldaten zogen regelrecht „in Kolonnen“ durch die Budenstadt mit den bunten Barleuchten.

Furchtbare Probleme habe es in dem Viertel in der Nachkriegszeit gegeben, sagt der 75-Jährige. Dirnen boten ihre Dienste damals noch an den Altstadtstraßen an, darunter nicht wenige, denen die Moralvorstellungen der fünfziger Jahre zum Verhängnis wurden. Sie hätten ein uneheliches Kind geboren und seien deshalb von ihren Eltern verstoßen worden, klagten die Frauen den Polizisten. Was bliebe ihnen denn nun anderes übrig?

Zu schaffen machte den Polizeibeamten die Gewalt im Viertel. Ständig kam es zu Raufereien. Wenn Amerikaner beteiligt waren, schritt die Militärpolizei ein. Die deutschen Polizeistreifen konnten nicht per Funk um Verstärkung bitten. Sie hatten oft nur eine Trillerpfeife, die in dem Trubel wenig nützte. Im Gegenzug war es für die Zentrale schwierig, die Streifen zu alarmieren. Bei Großeinsätzen ging die Straßenbeleuchtung dreimal aus: als Zeichen, dass alle auf die Wache mussten. „Auf Streife war man auf sich gestellt“, erzählt Rathgeb. Hilfe erfuhren sie von überraschender Seite: Zuhälter, mit denen die Beamten regelmäßig auf der Wache zu tun hatten, befreiten sie so manches Mal aus einer brenzligen Lage. Die Ganovenehre galt noch etwas.

Brechend voll waren die Bars, wenn die Stuttgarter ihre Lohntüten bekamen. Dann meldeten sich verzweifelte Ehefrauen auf der Wache, getrieben von der Angst, dass der Monatslohn im Striplokal verschwindet. Schließlich waren die Animierdamen dafür berüchtigt, für große Getränkerechnungen zu sorgen. Auch bei Taschendieben war das Städtle beliebt. Ein „Herr Bäuerle von der Alb“ sei mal nach Stuttgart gefahren, um 9000 Mark für einen Traktor bei der Landesbank einzuzahlen, erzählt Rathgeb. Zuvor habe er einen kleinen Abstecher gemacht. „Nach zwei Stunden im Städtle war er sein Geld los.“

Am unangenehmsten war es dem damaligen Hauptwachmeister, wenn er von Vorgesetzten Undercover auf die Schwulenszene angesetzt worden ist. Ein Vierteljahr besuchte Rathgeb einschlägige Etablissements namens Bachstelze oder auch Libelle. Der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, wurde erst 1994 abgeschafft.

Nach jeder Schicht musste er Bericht schreiben und notieren, ob Minderjährige verführt worden waren. Bis nach vier Monaten aus ihm herausplatzte, dass er Polizist sei. Der Hauptwachmeister rechnete mit dem Schlimmsten. „Doch die Leute behandelten mich weiterhin mit Würde und Anstand.“

Später ist auch die Kubanabar wegen des Paragraphen 175 ins Visier der Gaststättenbehörde geraten. Der Wirt sei sehr erfinderisch gewesen, erzählt Gerhard Goller. Er lockte Dirnen mit Freibier in sein Lokal. Wenn Kontrolleure von der Stadt kamen, habe er auf die Frauen gezeigt und gesagt: „Ich habe doch gemischtes Publikum.“

Homosexualität verstieß gegen die Norm, Striptease nicht. Das habe einfach dazu gehört, sagt Ernst Lautenschlager, der in den fünfziger Jahren außerhalb der Hüttenwerke eine Szenegröße war. Striptease sei gesellschaftlich akzeptiert gewesen. In seinem gehobenen Cabaretbetrieb Maxim am Österreichischen Platz ließ Lautenschlager damals ein Stripteaseballett tanzen, das den Besuchern den Eindruck der großen weiten Welt vermitteln sollte. Im Publikum saßen Männer mit ihren Ehefrauen. „Das war eine Kunstform“, sagt Ernst Lautenschlager.

Mit seinen 96 Jahren hat der ehemalige Rennfahrer die meisten Gastronomen der alten Zeit überlebt. Von den Hüttenwerken hatte sich Lautenschlager immer fern gehalten. Das Viertel sei nicht sein Niveau gewesen, sagt er. Bei ihm gab es Plüsch, Seide, Samt – und keine Pressspanwände wie im Städtle, die so dünn waren, dass sogar einmal ein Barbesucher durchs Holz krachte.

Die vereinigten Hüttenwerke, sie waren eben nur als Provisorium gedacht. Ende der siebziger Jahre rollten die Bagger an, um Platz für das Schwabenzentrum zu schaffen. Bevor die Baracken wie Kartenhäuser zusammenfielen, nahm sich Gerhard Goller seine Spiegelreflexkamera und fotografierte eine Bar nach der anderen. Heute sind die Aufnahmen unter Klarsichtfolie in seinem Ordner abgeheftet. Es sind die letzten Bilder vom alten Städtle.


Kommentare

von Karin Merkle, am 07.01.2009 02:14 Uhr

Ich habe mich sehr gefreut, als ich die Fotos in der Stuttgarter Zeitung entdeckte! Meine Eltern waren früher sehr häufig zum 'Abtanzen' dort, - wenn ich mich recht erinnere meist im 'Tivoli' - und sie schwärmten mir immer von der tollen Musik dort vor. An die 'Hütten' kann ich mich noch sehr gut erinnern, war allerdings nie drin, da ich damals noch zu jung dafür war!



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