1945-1974
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Am 14. August 1974 war Stuttgart geschockt. Arnulf Klett, der fast drei Jahrzehnte lang die Geschicke der Stadt lenkte, starb während eines Kuraufenthalts im Schwarzwald. Den Älteren ist eine der herausragenden Figuren der Nachkriegszeit noch gut in Erinnerung, den Jüngeren ist der Name hauptsächlich durch Klettpassage und Arnulf-Klett-Platz geläufig. Ein Nachruf aus der Stuttgarter Zeitung von 1974 umreißt das Wesen und Werk des Oberbürgermeisters.
Von Gerhard Eigel
Dr. Arnulf Klett, seit 1945 Stuttgarts Oberbürgermeister, ist tot. Ein Versagen des Herzens hat am Mittwoch gegen 15.30 Uhr im Sanatorium Bühlerhöhe dem Leben des Rastlosen ein Ende gesetzt, wenige Wochen nachdem der Neunundsechzigjährige sich auf ärztlichen Rat entschließen musste, sich mehr Schonung aufzuerlegen und einmal auszuspannen vom Stress seines arbeitsreichen, aufreibenden Alltags. Die Stadt Stuttgart hat den weitblickenden, unermüdlichen Chef ihrer Verwaltung verloren – der gleichzeitig ein glänzender und humorvoller Repräsentant schwäbischer Wesensart war – , der Gemeinderat seinen energischen und zielstrebigen Vorsitzenden und die Bürgerschaft ihren Oberbürgermeister, der dem Volk mit bodenständigem Witz, wie man so sagt, aufs Maul zu schauen pflegte.
Die Verdienste von Dr. Klett um die Stadt Stuttgart sind so vielfältiger Art, dass es kaum möglich ist, sie alle aufzuzählen. Klett war ein schmaler, blasser, junger Mann, als er 1945 das lendenlahme, geschundene Stuttgarter Rössle am Zügel nahm. Und er nahm die Schaufel selbst in die Hand, um mit seinen Stuttgartern den Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt zu beginnen. Es war eine harte Zeit, in welcher der gelernte Jurist seine Wendigkeit und sein Improvisationstalent immer wieder unter Beweis stellen musste, und es dauerte lange, bis sich die ersten sichtbaren Erfolge einstellten. Das Übermaß an Arbeit, das Arnulf Klett damals auf sich nahm, wurde ihm bald zur Gewohnheit; zur lieben Gewohnheit, kann man sagen, denn die Begeisterung, mit der Klett sein Amt versah, ließ nicht nach, sondern steigerte sich noch im Laufe seiner Amtszeit.
So sah er Stuttgart aus den Trümmern wiedererstehen, er rückte den Problemen des Wohnungsbaus und des Verkehrs energisch zu Leibe, und er suchte die Industrie zu fördern und später am Platze zu halten, als der Stuttgarter Kessel in wirtschaftswunderlichen Zeiten enger und enger wurde. Kletts besonderes Augenmerk galt immer den großen Versorgungsaufgaben, und die Zahl seiner Ehrenämter wurde Legion. Immer mehr halste er sich im Laufe der Jahre auf, und er stand an maßgebender Stelle nicht nur in den städtischen Betrieben der Strom-, Gas- und Wasserversorgung, der Straßenbahn und des Flughafens. Nicht zu vergessen ist seine Tätigkeit im Städtetag und im Verband der Kommunalen Arbeitgeberverbände. Er stritt erfolgreich für den Bau des Neckarhafens, für den Ausbau des Neckarstadions, für zwei Gartenschauen, für die U- und die S-Bahn, und er setzte sich für die Erweiterung der Killesberghallen ein.
Noch vieles andere ist auf seine Initiative zurückzuführen, und unvergesslich sind auch die vielen Volksfesteröffnungen, die durch Kletts Ansprachen zum Erlebnis geworden sind. Wie hat er und wie haben es seine Zuhörer genossen, wenn er aus unerschöpflich scheinendem Fundus heitere und besinnliche Reime und urschwäbische, manchmal auch etwas derbe Scherze zu munteren Reden aneinanderreihte! Auch Stuttgarts Journalisten haben einen Redner verloren, der selbst das langweiligste offizielle Ereignis durch Humor und Menschlichkeit interessant zu machen verstand. Arnulf Klett war eine Kämpfernatur; zäh, ausdauernd und unbeirrbar, wenn er einmal seine Meinung gefasst und als richtig erkannt hatte, und er war kompromissbereit, wenn es galt, eine drohende Niederlage noch in einen Teilerfolg zu verwandeln. Und es ist selbstverständlich, dass Klett in seiner langen Laufbahn nicht nur Siege, dass er neben vielen Stärken auch Schwächen aufzuweisen hatte. Ein Mann wie Klett, der ein Ziel nie aus den Augen verlor, konnte nicht nur Freunde haben. Er hatte auch Feinde, die Achtung aber hat ihm niemand versagt.
Als kommissarisches Stadtoberhaupt wurde Klett 1945 von den Franzosen eingesetzt und später von den Amerikanern in seinem Amt bestätigt. Dann wurde er von Stuttgarts Bürgern zunächst für zwei Jahre, dann für sechs und schließlich noch für zweimal zwölf Jahre zum Oberbürgermeister gewählt. Seine Wahlsiege waren nie glänzend, und seine starke Stellung als Vorsitzender des Stuttgarter Gemeinderats wurde wiederholt kritisiert. Aber der zeitweise mehr als schwache Gemeinderat brauchte diese starke Hand, diesen starken Oberbürgermeister, der ihn vorantrieb, der ein Projekt nach dem anderen ins Visier nahm und auch verwirklichte. Arnulf Klett war des Gemeinderats Motor, der nur ein Ziel kannte: Stuttgart. Als Klett sich 1968, in einem Alter, in dem andere schon an Ruhestand denken, wieder zur Wahl als Oberbürgermeister stellte, wurde er gefragt, ob er denn tatsächlich die ganze Amtszeit von zwölf Jahren absolvieren wolle. „Aber natürlich“, hatte der unverwüstliche Optimist, der Klett immer war, geantwortet und hinzugefügt: „Und anschließend will ich eine große Weltreise machen, ehe ich an den Ruhestand denke.“
Kletts Optimismus hat sich nicht bestätigt. Sein Wunsch, seine Laufbahn mit der Bundesgartenschau 1977 und mit dem Abschluss der wesentlichen Teile der U- und S-Bahn-Bauten zu beschließen, hat sich nicht erfüllt. Jahrzehnte harter Arbeit forderten auch bei Klett ihren Tribut, und es mögen drei, vielleicht vier Jahre her sein, dass die engsten Mitarbeiter des Oberbürgermeisters begannen, diesen aufzufordern, sich zu schonen, weil sie wiederholt Ermüdungserscheinungen bei ihm festgestellt hatten. Vergebens. Arnulf Klett, gewohnt, die Zügel in der Hand zu halten, war oft morgens der erste und abends der letzte. Kein wichtiger Termin ohne Klett, kein größeres Fest. Es kamen Krankheiten und Operationen, die der Oberbürgermeister scheinbar glänzend verkraftete, aber die Ermüdungserscheinungen häuften sich. Wiederholt musste Klett in letzter Zeit während der kurz unterbrochenen Arbeit ärztlichen Rat in Anspruch nehmen. Zu einem Erholungsurlaub aber konnte er sich nicht entschließen.
Und dann kam der Tag, an dem er während der Fahrt zu einer Sitzung des Zweckverbandes Bodenseewasserversorgung einen Zusammenbruch erlitt und von einem Arzt in ein Krankenhaus eingewiesen wurde. Mehr als vier Wochen lag er im Krankenhaus, immer wieder betonend, dass er organisch gesund und lediglich überarbeitet sei und dass er sich nun fernab von jedem Betrieb, auch fern der Familie, erholen, Kräfte sammeln müsse. Eine Kur im Sanatorium Bühlerhöhe sollte Stuttgarts Oberbürgermeister wieder ganz genesen lassen. Dort hat am Mittwoch das Herz versagt, das all die Jahre für Stuttgart geschlagen hat. Dr. Arnulf Klett, der 29 Jahre lang Stuttgarts Oberbürgermeister war, wäre am 5. Januar kommenden Jahres siebzig Jahre alt geworden.
„Wie immer bin ich Optimist…“
Klett, zwei Tage nach seiner Amtseinsetzung (23. April 1945): „Ich halt's mit dem Motto eines Chinesen: Es ist besser ein Lichtlein anzuzünden, als auf die große Dunkelheit zu schimpfen.“
Über sein erstes Amtszimmer (1945): „Das ist im Entbindungsheim Sophie Mayer in der Schönleinstraße 11. An meiner sogenannten Amtszimmertüre steht geschrieben: Ein Kind, ein Bett. Im Zimmer ist auch noch die Wickelkommode vorhanden. Für mich aber geht's nur darum: Die dumpfe Lethargie, die nicht zu uns Schwaben passt, schnellstens zu beseitigen.“
Über seine Persienreise (2. November 1968): „Es war eine a' bissle anstrengende Sach.“
Klett über Klett (1954): „Ich bin Stuttgarts Motor mit Humor.“
In einem Interview vor der OB-Wahl im Januar 1966 auf die Frage, „Was möchten Sie den Stuttgarter Bürgern zur Wahl am 16. Januar zurufen?“ – „Einen einzigen Satz nur: Bitte sparen Sie der Stadt die Ausgabe von 60 000 Mark, indem Sie schon am 16. Januar zahlreich zur Wahl gehen!“
Auf dem Volksfest, anlässlich einer Absage von Landtagspräsident Camill Würz: „Es reimt sich ja mancherlei auf Würz. Natürlich nicht das, was Sie jetzt wieder meinen! Man kann schon noch einen anderen Reim auf Würz machen: Dass Sie nicht kommen, Camill Würz, bedauert Klett im Brauerschurz.“
Klett reimt über Klett (Silvester 1967 in der StZ): „Wie immer bin ich Optimist / Was einfach nicht zu ändern ist / Mit Optimismus kommt man weiter / Und sieht das neue Jahr auch heiter / Drum sag' ich Ihren Zeitungslesern: / Das neue Jahr wird manches bessern / Wenn wir nur fleißig weiter schaffen / Und bloß nicht immer rückwärts gaffen.“
Über seine Fliege (1967): „Mancher hat so seine Mücken / Um den Nachbarn zu beglücken / Doch ich bin von meinen Fliegen / Schon seit eh nicht wegzukriegen.“