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Brandkatastrophe in der Geißstraße

1994

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Foto: factum/Weise
Bei dem Feuer in der Geißstraße 7 sind vor 15 Jahren am 16. März 1994 in der City sieben Menschen ums Leben gekommen, darunter zwei Kinder. Insgesamt 16 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Es war die bisher schwerste Brandkatastrophe in Stuttgart seit Kriegsende.

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Im März 1994 ist bei einem Anschlag das Haus in der Geißstraße 7 in Asche gelegt worden. Sieben Menschen starben. Das danach entstandene Kneipenviertel rund um den Hans-im-Glück-Brunnen ist heute ein Ort, an dem Erinnern und Vergessen nah beisammen sind.

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt

Als Feuerwehr, Polizei und Sanitäter am Morgen des 16. März 1994 um 3.36 Uhr an dem von mehr als 50 Menschen bewohnten Gebäude Geißstraße 7 eintreffen, spielen sich dort dramatische Szenen ab. Das hölzerne Treppenhaus, der einzige Fluchtweg für die 50 Bewohner, brennt wie eine Fackel. Überall an den Fenstern drängen sich verzweifelte, um Hilfe rufende Menschen. Die ersten Retter hetzen mit einem einzigen Sprungkissen von einer Seite auf die andere. Zu diesem Zeitpunkt schlagen schon Flammen aus den Fenstern der oberen Stockwerke. Erst Minuten später schießen die ersten Wassersalven in das schon durchs Dachgebälk züngelnde Flammenmeer.

Zahlreiche Bewohner können über die Drehleitern von der Feuerwehr aus dem Inferno gerettet werden. Für sechs von den in den Flammen eingeschlossene Bewohnern kommt aber jede Hilfe zu spät: Eine 24-jährige Deutsche und deren zweijährige Tochter, eine 27-jährige schwangere Türkin und deren vierjährige Tochter sowie ein 60-jähriger Kroate und seine 55-jährige Ehefrau können nur tot geborgen werden. Eine 57 Jahre alte Jugoslawin verfehlt das Sprungtuch und stürzt in den Tod. Weitere 16 Bewohner müssen mit Sturz-, Rauch- oder Brandverletzungen in Krankenhäuser gebracht werden.

Rommel spricht von „fürchterlicher Katastrophe“

Noch am Mittag des 16. März 1994 steht über den schwarzen Dachbalken des fünfstöckigen Wohnhauses, einem denkmalgeschützten Jugendstil-Bau am Hans-im-Glück-Brunnen mitten in der Stuttgarter Innenstadt, eine Rauchfahne. Auf der Wäscheleine im zweiten Stock hängt eine rote Kinderstrumpfhose. Auf der Straße, direkt unter einem Fenster, liegen ein Pantoffel und ein grün-schwarzer Pullover auf dem mit roten Dachziegelscherben übersäten Pflaster. Wie Wunden klaffen die schwarzen Fensterhöhlen aus den weißen Hauswänden, vor denen sich immer noch vier Drehleitern der Feuerwehr in die Höhe recken.

Der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel spricht von einer „fürchterlichen Katastrophe“. Bereits kurz nach dem Brand erklärt er, dass es keine Hinweise auf einen ausländerfein­dlichen Anschlag gebe. Im Rathaus geht die Angst um, dass Stuttgart in einem Atemzug mit den neonazistischen Brandanschlägen von Solingen und Mölln genannt wird. Der Arbeitskreis Asyl kritisiert angesichts des Brandes aber die besorgniserregende Wohnsituation vieler ausländischer Mitbürger.

26-Jähriger wird zu 15 Jahren Haft verurteilt

Die „Sonderkommission Geißstraße 7“ vermutet fahrlässige Brandstiftung. Die Ermittlungen des von der Stuttgarter Hofbräu AG an einen Gastwirt verpachteten Hauses konzentrieren sich aber auch auf die Frage, ob illegale Mietverhältnisse und nicht genehmigte Umbauten zu der hohen Zahl von Todesopfern geführt haben. Von den etwa 50 in dem Gebäude wohnenden Personen waren nur 27 gemeldet. Die Brauerei weist den Vorwurf des Mietwuchers zurück, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben keine Verdachtsmomente.

Die Suche nach einem Brandstifter bleibt lange ohne Erfolg. Doch gut zwei Jahre nach der Brandnacht wird ein 26 Jahre alter Mann zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der Einzelgänger war nach einer Brandserie in Esslingen festgenommen worden. Auch im Fall Geißstraße sehen die Richter trotz eines widerrufenen Geständnisses seine Täterschaft als erwiesen an.

Hofbräu bringt Gebäude in Stiftung ein

Im August 1994 kündigt die von einer überparteilichen Initiative gegründete Stiftung „Geißstraße 7“ an, in dem Haus nach dem Wiederaufbau eine multikulturelle Begegnungsstätte als „Ort der Toleranz“ einzurichten. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung bringt Hofbräu das renovierte Gebäude in die Stiftung ein.

Die Bewohner von damals sind inzwischen in alle Winde verstreut. Keiner lebt mehr in der Geißstraße. Längst stehen neue Namen an den Klingelschildern: Menschen, denen die Stiftung ein über das unbrennbare Treppenhaus aus Beton erreichbares sicheres Zuhause bietet.


Die Stiftung Geißstraße gründet sich

15 Jahre ist es her, dass bei einem Anschlag das Haus in der Geißstraße sieben in Asche gelegt wurde, sieben Menschen starben. Das danach entstandene Kneipenviertel rund um den Hans-im-Glück-Brunnen ist heute ein Ort, an dem Erinnern und Vergessen nah beisammen sind.

Von Frederike Poggel

Hans ist im Glück, als er endlich auch sein letztes Hab und Tauschgut los wird. Selig die Besitzlosen, ist die Moral des Grimmschen Märchens. Als Ironie des Schicksals mag es angesehen werden, dass sich just dort, wo als Symbol der Freude ein gusseisernes Abbild des Knaben Hans im Brunnen steht, die größte Brandkatastrophe der Nachkriegszeit abspielte.

Als im März 1994 ein psychisch Kranker Feuer legte, starben sieben Menschen in der Geißstraße sieben; die Doppelung dieser symbolbehafteten Zahl mutet wieder an ein Märchen, eines mit einem schlimmen Ende diesmal, doch es ist keines. Real waren Trauer, Ungläubigkeit und Entsetzen – sollte nach Solingen, Hoyerswerda, Rostock und Mölln, wo Anfang der 90er Jahre Ausländer terrorisiert wurden, auch Stuttgart Schauplatz fremdenfeindlicher Anschläge sein? Der Verdacht lag nahe, lebten in dem Haus doch vor allem Ausländer, die teils illegal und zu horrenden Mieten dort untergeschlüpft waren. Der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel erklärte denn noch in der Brandnacht, es habe keine fremdenfeindlichen Motive gegeben; spätere Nachforschungen förderten zutage, dass sich der Fremdenhass des Täters wohl wirklich erst nach dem Attentat entzündete.

Klar war von Anfang an jedenfalls eines: „So etwas darf kein zweites Mal passieren“, waren sich neben vielen vor allem ein paar Leute einig, die beim Stammtisch zusammen saßen. Michael Kienzle, Stadtrat der Grünen und Kultursprecher seiner Fraktion, war einer von ihnen. Heute ist er geschäftsführender Vorstand der Stiftung, die sich zwei Jahre nach dem Attentat aus dem Stammtisch heraus entwickelte. Sie sitzt in dem einst abgebrannten, von Grund auf sanierten Haus und heißt wie selbiges: Geißstraße sieben.

Kienzle arbeitet ehrenamtlich, eine Dreiviertel Bürostelle leistet sich die Stiftung zudem. „Unser Anspruch ist es nicht, Heimattümelei zu machen, sondern kritische, großstädtische Heimatkunde“, sagt Kienzle. „Wir wollen das geistliche Klima der Stadt beeinglussen, ein intellektuelles Klima schaffen, damit so etwas nicht mehr passieren kann.“ Die Stiftung gibt Denkblätter heraus zu Stuttgarter Persönlichkeiten, arbeitet mit Studenten die Geschichte deportierter Juden auf, organisiert Stadtspaziergänge, bringt sich bei Straßenbenennungen ein, regt öffentliche Debatten an. „Wir wollen nachhaltig zu einem qualitätvollen Angebot in Stuttgart beitragen, das ist unsere Daueraufgabe“, sagt Kienzle.

Er ist ein Hüne mit weißen Haaren und leicht geducktem Gang, sein Büro befindet sich eine Wendeltreppenum­rundug weit oben im ersten Stock. Man muss sich nicht klein machen, um das steinerne Treppenhaus mit gemalten Geißen auf den getünchten Wänden hochzulaufen. Auch die Last des Vorgefallenen, sagen Kritiker, wiege nicht zu schwer auf Kienzles Schultern oder seiner Stiftung – denn über alles Gute, das nach jenem Märztag 1994 kam, seien die Bemühungen um die Opfer zu kurz gekommen.

„Es gab keine Möglichkeit, ein wohlgeordnetes oder sogar von Dankbarkeit geprägtes Wechselverhältnis von Helfern und Hilfesuchenden aufzubauen“, kritisiert Asylpfarrer Werner Baumgarten. Zwar ist die Stiftung zunächst als als Wohnprojekt angelegt worden; das Haus war ihr vom ehemaligen Eigner, der Firma Hofbräu, überschrieben worden. Doch war Umgang mit den Überlebenden schwierig, es gab sprachliche und kulturelle Barrieren. „Wir sind von dem Ansatz immer weiter abgekommen, weil die soziale Betreuung, die wir leisten konnten, nicht ausreichend war“, sagt Kienzle.

Und so wurde der Kontakt zwischen den Überlebenden der Geißstraße sieben und der Stiftung Geißstraße sieben immer weniger, heute gibt es gar keinen mehr. Wer Hilfe suchte und Gelder beantragte, wandte sich meist an Pfarrer Baumgarten. „Es war eine lähmende Zeit der Anträge, Bittbriefe und einer formal korrekten Praxis des Abwiegelns und Verweisens. Meines Wissens nach flossen aus keinem Topf Spendengelder an die Hinterbliebenen“, sagt Baumgarten.

Und so findet sich heute wohl keiner, der den Brand überlebte, mehr in Stuttgart. Viele kehrten zurück in ihre alte Heimat, ihre Spuren verlaufen sich. Auch am Ort des Geschehens, mitten im heutigen Kneipenviertel rund um den Hans-im-Glück-Brunnen, wird die Erinnerung blasser. „Die Namen der Toten sind dort eingeritzt, wo heute das Cafe Deli ist. Auf Fußbodenhöhe, man läuft drüber und sieht es nicht“, sagt Baumgarten.

Ein sichtbares Zeichen werden die sieben Lilien sein, eine für jeden Toten, die am Montag, 16. März, dem Jahrestag des Brandes, ins Fenster der Stiftung gestellt werden – um 17.15 Uhr wird den Opfern in der Stiftskirche gedacht.


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