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Umstrittene Projekte - lange vor Stuttgart 21

1926-2009

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Foto: Hannes Kilian
Im Jahr 1956 hat Stuttgart sein neues Wahrzeichen bekommen. Der Fernsehturm war zu dieser Zeit mit seiner Höhe von 211 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands und das zehnthöchste in der Welt.

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Stuttgart 21 hat massive Auswirkungen auf die Kommunalwahl am 7. Juni 2009 gehabt. Sehr viele Menschen sind gegen das Bahnprojekt und haben diejenigen Parteien abgestraft, die sich dafür einsetzen. Die Tieferlegung des Bahnhofs ist jedoch nicht das erste heftig umstrittene Projekt in der Stadt.

Von Matthias Ring

Direkt nach der jüngsten bitteren Wahlniederlage der Stuttgarter CDU, die viel mit Stuttgart 21 zu tun hat, hat Oberbürgermeister Wolfgang Schuster in einer Stellungnahme auf andere Projekte verwiesen, die einst vehement abgelehnt worden seien. Auch damals seien die Projekte zum Glück gebaut worden, denn diese Bauten seien längst Wahrzeichen der Stadt – er nannte die Weissenhofsiedlung und den Fernsehturm. Aber stimmt diese Argumentation wirklich?

Weissenhof: Bonatz wollte Giebelhäuser

Ein Blick in die Archive zeigt, dass es beide Bauprojekte zwar nicht gerade leicht hatten, aber von massivem Widerstand kann nicht die Rede sein. Bei der Weissenhofsiedlung ist eher das Gegenteil der Fall. Der Deutsche Werkbund hatte Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts angeregt, eine ganze Baugruppe zu realisieren, mit der eine Verbesserung und auch Verbilligung der Wohnkultur erreicht werden sollte. Der Gemeinderat stimmte 1926 zügig zu, und nach nur fünf Monaten Bauzeit war auf dem Killesberg die Weissenhofsiedlung entstanden. Die Leitung hatte Mies van der Rohe – ein gewisser Paul Bonatz, also der Bahnhofbauer, sprang übrigens wieder ab, weil er konventionelle Giebelhäuser bevorzugte.

Natürlich gab es auch Proteste von anderen Gestaltern, die diese radikale Form der Moderne als Modeerscheinung abkanzelten. Und für die Nazis war die Weissenhofsiedlung ein Schandfleck, der abgerissen werden sollte und dann als Wehrmachtsunter­kunft genutzt wurde. Bombenangriffe zerstörten viele Gebäude, nach dem Krieg wurden sie wieder hergestellt und die Siedlung durch weitere Bauten „trivialisiert“. Erst 1958 schaltete sich der Denkmalschutz ein, um die Reste zu sichern. Aber von Widerstand in der Bevölkerung ist eigentlich keine Spur zu finden.

Kostenexplosion beim Fernsehturm

Und der Fernsehturm? Zwar gab es bei Laien Befürchtungen, ob das bis dato weltweit einmalige Gebäude sicher stehen würde. Aber Rangeleien gab es eigentlich nur um die Finanzierung des Projekts – vornehmlich zwischen der Stadt und dem SDR, der mitunter erpresserische Methoden anwandte und drohte, halt einfach ein Stahlgerüst für den Sendebetrieb hinzustellen, falls sich die Stadt nicht angemessen beteiligen wollte. In der Stadtverwaltung wurde das Projekt mit großer Zurückhaltung diskutiert, ehe sich der Gemeinderat Anfang 1954 dafür entschied. Die Kosten von Fritz Leonhardts Turm beliefen sich mit vier Millionen Mark am Ende zwar auf mehr als das doppelte – hier könnte man vielleicht Parallelen zu Stuttgart 21 suchen – aber wegen der hohen Besucherzahl in den ersten zehn Jahren nach Fertigstellung war der Fernsehturm praktisch bezahlt.

„Den edelsten Bezirk zur Verkehrsmaschine“

Aber vielleicht gäbe es passendere Beispiele für den Unmut der Bevölkerung angesichts von Bauprojekten in der Stadt. Den Abriss des Kronprinzenpalais etwa, über den jahrelang heftig diskutiert wurde. König Wilhelm I. gab 1846 den Auftrag, das Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zum Neuen und Alten Schloss für den Kronprinzen Karl zu errichten. 1961 fiel im Gemeinderat die Entscheidung, es abzureißen und an seiner Stelle den Kleinen Schlossplatz zu erbauen. Damit gekoppelt war der sogenannte Planiedurchbruch zugunsten des Autoverkehrs. Für den teilweisen Erhalt und ein alternatives Verkehrskonzept hatte sich Paul Bonatz stark gemacht, der an Oberbürgermeister Arnulf Klett schrieb: „Für den Verkehrstechniker gibt es nur die einzige Frage: Wie bringe ich die meisten Autos hier durch? Alle anderen Fragen wie Rechte des Fußgängers, Schönheit der Stadträume oder Ehrfurcht vor alten Werken sind ihm gleichgültig. Soll man den edelsten Bezirk der Stadt zur Verkehrsmaschine machen?“

Befürworter des Abrisses, der erst durch einen Ankauf des Gebäudes vom Land durch die Stadt möglich gemacht werden musste, sprachen damals von „nicht unbedingt erhaltungswürdig“, weil es sich beim Kronprinzenpalais um eine Ruine handelte, von der eigentlich nur die historische Fassade den Krieg unbeschadet überstanden hat. Mit derselben Argumentation hätten man auch das Neue Schloss abreißen können, das viele Jahre kaum besser aussah. Auch der Gewerkschaftsbund plädierte für einen Abriss. Und seiner Argumentation könnten sich tatsächlich Stuttgart-21-Befürworter bedienen: „Nichts wäre hemmender für die Entwicklung des Wirtschaftslebens, besonders aber des Arbeitsmarkts in Stuttgart, als wenn in den künftigen Jahren durch eine uferlose Verschleppung der Planfeststellung das endgültige Bauen verhindert würde.“

Nie ans Rathaus gewöhnen können

Es gibt noch viele weitere Projekte, die trotz Widerstand realisiert wurden. Der einst idyllische, von alten Bäumen umrundete Anlagensee, der in den 60ern zum Eckensee gemacht wurde. Der Abriss des Kaufhaus Schocken. Wenn man so will auch der Umbau der Mercedes-Benz-Arena zum reinen Fußballstadion. Und selbst mit dem Rathaus haben sich viele Stuttgarter immer noch nicht angefreundet. OB Klett sagte 1955 zur Einweihung des neuen, das das spätgotische alte Rathaus ersetzte: „Wenn wir uns an die heftigen Pressefehden und an die leidenschaftliche Stellungnahme vieler unserer Bürger erinnern, werden wir uns darüber klar sein müssen, dass auch heute noch viele sind, die sagen, das alte Rathaus sei schöner gewesen, mindestens habe es besser nach Stuttgart gepasst, und an das neue werden sie sich nie gewöhnen können.“

Hannibal – ein Vorläufer der Grünen?

Wohl nicht von ungefähr zählt das Thema „Die Rathäuser“ in unserer Geschichtswerkstatt zu den beliebtesten wie auch die Bilderstrecke „Schönes altes Stuttgart“. Natürlich hat der Krieg viel davon zerstört – so manchem aber wurde erst nach dem Krieg der Rest gegeben. Vielerorts in Deutschland wurden im Wiederaufbauwunder die Weichen anders und zum Teil falsch gestellt, wurde vieles dem Verkehr geopfert. Das also hat nicht nur mit der CDU zu tun, sondern auch mit dem Zeitgeist, der damals parteiübergreifend vorherrschte. Besonders in der Autostadt Stuttgart.

An ein jahrzehntelang umstrittenes Projekt immerhin hat man sich gewöhnt: an die Wohnklötze Hannibal im Asemwald, die zu den größten in Deutschland zählen und ursprünglich noch viel gigantischer hätten sein sollen. Nach ewigen Auseinanderset­zungen waren sie 1971 endlich fertiggestellt – wenn man so will durchaus nach grünen Gesichtspunkten, lange bevor es die Partei gab und sie die Mehrheit im Gemeinderat eroberte. Sind doch die Wohnblöcke auch ein Gegenentwurf zu der flächenverbrau­chenden Illusion, dass sich jeder sein Häuschen im Grünen bauen könne.


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