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Schwarze Musik kommt ins weiße Stuttgart

1945-1960

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Neue Töne in Stuttgart - für viele junge Stuttgarter war die Jazzmusik in den späten 40ern und in den 50er Jahren auch eine Verheißung auf eine bessere Zukunft. Welche Erinnerungen haben Sie an Jazzkonzerte oder Jazz-Schallplatten. Haben Sie Fotos? Erweitern Sie unser Topthema mit Ihrem Zeitzeugenbericht und Ihren Fotos - wir sind gespannt.

Foto: AP
Auch wenn er in den späten Jahren in einer "wonderful world" der Entertainer war: Louis Armstrong zählt zu den Größen und Erfindern des Jazz. In den 50er Jahren spielte er auch in Stuttgart.

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Jazz Open? Aber ja, Stuttgart ist seit langem offen für die Musik, die sich Jazz nennt. Ihren Weg ins Schwabenland hat nach dem Zweiten Weltkrieg, im Tross amerikanischer Besatzungssoldaten gefunden.

Von Martin Hohnecker

Wahrscheinlich gab es schon während der Nazizeit ein paar verwegene Swingheinis am Nesenbach, aber sie durften ihre Achtundsiebziger-Platten mit dem „Tigerrag“ nur heimlich abspielen. Schon das Anhören der „artfremden Niggermusik“ galt als Vaterlandsverrat und wurde bestraft.

Auch nach 1945 fand der Jazz zunächst hinter verschlossenen Türen statt: in den zahlreichen amerikanischen Soldatenclubs, die sich nicht nur in den Kasernen, sondern auch im Großen Haus der Staatstheater fanden. Nachmittags Oper, abends Boogie-Woogie, aber „off limits“ für Deutsche, hieß es am noch ovalen Theatersee. Aber es gab ja den Soldatensender AFN. Immer mehr einheimische Musiker lauschten ihm die Blue Notes ab und bekamen einen Job in den Clubs. Wolfgang Dauner, ewig junge Stuttgarter Piano-Ikone, war einer von ihnen.

Die zweite Heimstatt des schrägen US-Imports war das Amerikahaus. Dort hatte schon Ende der vierziger Jahre der musikbegeisterte Dieter Zimmerle den „Jazzclub Schlüssel“ gegründet. Immer wieder referierte er über „Jazz und zeitgenössisches Musikschaffen“ und unterlegte seine Referate mit Schallplatten. Als Jazzredakteur des Süddeutschen Rundfunks hatte er Zugang zu den Aufnahmen von Benny Goodman bis Duke Ellington – lauter fernen Idolen.

Louis Armstrong gastiert 1952 in Stuttgart

So fern auch wieder nicht. Schon im Juni 1950 gastierte ein Chor mit „Amerikanischen Negerliedern“ auf der Solitude, im September desselben Jahres brachte Josephine Baker „Frankreichs größten Jazzkomponisten“ Joe Bouillon, in den Franz-Althoff-Bau. Und am 17. Oktober 1952 gastierte der „King of Jazz“, Louis Armstrong, erstmals im Universum-Kino in der unteren Königstraße. Dieter Zimmerle hatte seine Zeitschrift „Jazz Podium“ gerade rechtzeitig gegründet, um den Auftritt Satchmos groß ankündigen zu können.

Die Mehrzahl der Stuttgarter stand der „Urwaldmusik“ misstrauisch gegenüber, weil sie so gar nichts mit „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ und dem „Theodor im Fußballtor“ gemein hatte. Ihre Anhänger nannte man „Halbstarke“, und immer herrschte Angst, sie könnten gemeinsam mit den US-Soldaten die Konzerthallen beschädigen: das erwähnte Universum-Kino, das Gustav-Siegle-Haus, die Messehalle auf dem Killesberg. Oder die Sängerhalle in Untertürkheim.

Liederhalle wird 1956 zum Jazz-Treffpunkt

In diesem ehrwürdigen Haus machten manche deutschen Musikprofis ihre ersten Erfahrungen in Sachen Swinggefühl. Erwin Lehn hatte 1951 das Südfunk-Tanzorchester übernommen und ließ seine jungen Bandmitglieder bei „Dobs-Boogie“ Jazzgerechtes intonieren und Improvisieren üben. Der Erfolg war so überzeugend, dass Lehn, der „deutsche Jazz-Hurrikan“, 1955 zusammen mit den Südfunkleuten Zimmerle und Röhrig den „Treffpunkt Jazz“ aus der Taufe hob.

Als dann ein Jahr später die Liederhalle fertig war, erlebte Stuttgart Sternstunden des Jazz. Alle kamen zum „Treffpunkt“: Miles Davis ebenso wie Chet Baker, Stan Getz genauso wie Chick Corea, ganz zu schweigen von Norman Granz' großem „Jazz at the Philharmonic“-Zirkus mit Oscar Peterson, Fitzgerald & Co. Der Off-beat war nicht mehr auf Clubs wie „Wintergarten“ oder „Atlantic-Bar“ beschränkt. Nein, die schwarze Musik hatte ihren Platz mitten im weißen Stuttgart eingenommen. Erst eine Mischung aus Rock, Pop und Hip-Hop konnte sie in den Schatten stellen – Jahrzehnte später.


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