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Furchtbares Unwetter über Stuttgart

1972

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Ganze Hügel von Hagelkörnern sind am 15. August 1973 in den Stuttgarter Straßen gelegen. Wie war Ihnen an diesem Tag zumute? Welche Bilder haben Sie geschossen? Erweitern Sie unser Topthema mit Ihrem Zeitzeugenbericht und Ihren Fotos - wir sind gespannt.

Foto: Hans-Peter Feddersen
In den Straßenunterführungen staute sich das Wasser zwei Meter hoch. Menschen, die dort mit ihrem Auto Schutz gesucht hatten, mussten von der Feuerwehr mit Schlauchbooten gerettet werden.

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Der Wetterbericht hatte für Dienstag, 15. August 1972, „starke Bewölkung, zeitweise Regen, vereinzelt auch Gewitter“ vorhergesagt. Doch was dann kurz nach 15.30 Uhr über Stuttgart hereinbrach, war eines der schlimmsten Unwetter der Stadtgeschichte: sechs Tote, 40 Verletzte, Millionenschäden.

Von Martin Hohnecker

In der Nacht zum 15. August hatten heftige Gewitter über Stuttgart und seinem Umland getobt, Sturmböen hatten Bäume entwurzelt. Der Grund: aus Frankreich eingeströmte Kaltluft hatten den über Stuttgart lagernden schwülen Dampf in kühlere Höhen gedrückt, worauf die Wolken ihre Wasserlast sturzbachartig abluden. Aber das war gestern. Heute, an Mariä Himmelfahrt, sollte sich das Wetter beruhigen.

Zunächst sah es auch danach aus. Allerdings: am frühen Nachmittag stand die Luft wieder einmal im Stadtkessel, feucht, dunstig, beigefarben. Das änderte sich schlagartig nach 15 Uhr. Der Himmel färbte sich schwefelgelb, dann schiefergrau, von Südwesten her schob sich ein Wolkengebirge über die Stadt. Dann ging es los. Blitz und Donner, heulende Sturmböen, ein Wolkenbruch sondergleichen – und dann Hagel, Hagel, Hagel. Taubeneiergroße Schloßen prasselten auf Straßen, Häuser, Autos. Fußgänger rannten unter schützende Dächer, Autofahrer flüchteten in die Tunnels der Bundesstraße 14, um ihre Fahrzeuge vor dem eisigen Beschuss zu schützen.

In den Unterführungen stand das Wasser zwei Meter hoch

Das sollte sich als lebensgefährlicher Fehler herausstellen. Denn ein eiskalter Hagelstrom bahnte sich seinen Weg von den Höhenlagen der Stadt hinunter in die Tiefe: in Untergeschosse, in Keller, in Baugruben und in die Straßentunnel. In einem Firmenkeller stieg der weiße Brei bis an die Decke und erstickte drei Beschäftigte. In Heslach begruben die Hagelmassen einen Mann, der sein Kellerfenster hatte schließen wollen; in Stuttgart Ost ertrank eine Frau in einem Sturzbach, und in Bad Cannstatt erschreckte ein Blitz einen Mann zu Tode. Und in den Tunnels, besonders in der Charlottenplatz-Unterführung, drohten viele Autofahrer zu ertrinken. Die Hagelbrühe war bis auf zwei Meter Höhe gestiegen, hatte die Autos angehoben und Blech über Blech gestapelt. Es herrschte das Chaos.

Allerdings nicht lange. Kurz nach 16 Uhr organisierte ein eilends zusammengerufener Einsatzstab unter Polizeipräsident Rau die Rettungsmaßnahmen. Hunderte von Polizisten, Feuerwehrleuten, Rettungskräften und Bundeswehr-Pionieren versuchten zu bergen, was noch nicht abgesoffen war. Die Autofahrer in der B-14-Röhre wurden mit Schlauchboten aus ihrer prekären Lage gerettet, Keller wurden ausgepumpt. Besonders hart getroffen hatte es die Bibliothek der Universität Stuttgart; rund 80.000 Bücher schwammen in den Fluten, das Uhrentechnische Institut stand unter Wasser.

Scharfe Kritik am Wetteramt

Oberbürgermeister Arnulf Klett eilte aus dem Urlaub in seine Stadt zurück und rief zu Spenden für die Geschädigten auf. Erst nach Tagen fuhren alle Bahnen wieder, kehrte der normale Rhythmus in das Leben der Stadt zurück. Das Stuttgarter Wetteramt und sein Chef aber wurden kritisiert, weil sie die Katastrophe nicht vorhergesehen hatten. Die Antwort der Wetterfrösche: es habe sich um ein kleinräumiges Wetterphänomen, um einen veritablen Tropensturm gehandelt, der „durch die Maschen des meteorologischen Netzes“ geschlüpft sei. Zum Trost gab es den Hinweis, dass solche Wetterexplosionen nur „ein paar Mal pro Jahrhundert“ aufträten.

Die Stuttgarter Verkehrsbehören aber installierten Ampeln vor den Tunnels, um beim nächsten Hagelstrom den Verkehr rechtzeitig vor seinem Untergang stoppen zu können.


Kommentare

von Peter Steng, am 17.10.2008 15:12 Uhr

Dies dürfte die Unterführung am Östereichischen Platz sein die ich kurz zuvor mit meinem Mini Cooper noch verlassen konnte...........

von Gertrud Eisenhut, am 22.01.2009 15:15 Uhr

Wir wohnten damals in Stuttgart-Möhringen. Die Obstbäume waren schlagartig entlaubt. Kahl standen sie da, wie normalerweise Ende November. Im nächsten Frühling blühten sie um so üppiger.

von Barbara Drexler, am 13.02.2009 09:57 Uhr

Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern. Wir wohnten damals in Heslach. Gott sei Dank wohnten wir in der Böheimstraße. Da waren wir oberhalb der Katastrophe. Die Möhringer Straße war ein "reißender Fluß". Es wurden Mülltonnen und sogar ein Amboß durch die Straße gespült. Eine gute Freundin wohnte damals in der Hasenstraße, dort lagen die Hagelkörner bis zum 1. Stock hoch auf der Straße.

von Sigurd Hinterwaldner, am 21.08.2009 21:00 Uhr

Ich kann mich an diesen Tag auch noch genau erinnern, obwohl ich damals erst 9 Jahre alt war. wir wohnten damals in Leinfelden. Erst wurde es Nacht und das mitten am Tag. Dann fing es an kräftig zu regnen und dann kam der Hagel. Der bei uns die Dachfensterscheiben, die Balkonverkleidung, und meinen Sandkasten zerstörte. Im Umkreis wurden Kunstoffrollläden zerstört, von einer Ente das Stoffschiebedach durchlöchert, und es sah danach aus wie im Winter, alles weiß.

von Jeanette Zenko, am 25.06.2010 14:40 Uhr

Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern, ich war damals 10 Jahre alt,
und meine Mutter lag damals in der Paulinenhilfe (heute Diakonieklinikum) und wurde an der Wirbelsäule operiert . Da war eine Stimmung, wie wenn die Welt untergeht. Erst das Alleinsein, dann die Angst um meine Mutter, und dann noch das Unwetter. Wir sind damals von Ostfildern durch die Stuttgarter Innenstadt gefahren und waren hinterher glücklich, das wir ungeschoren davon gekommen sind. Wir hatten damals einen alten Peugeot 404 Break, der wurde durch den Hagel ganz schön in Mitleidenschaft gezogen.



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