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Stuttgarts exotischste Bleibe: das Bunkerhotel

1940-1980

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Foto: Achim Zweygarth
Lange Gänge zwischen den "Zimmern"

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Das Hotel in bester Innenstadtlage hatte eigentlich alles, was ein Reisender braucht. Nur etwas Essenzielles fehlte: Rausschauen konnte man nicht aus dem fensterlosen Bunkerhotel am Stuttgarter Marktplatz. Vor 24 Jahren sind auch drinnen die Lichter ausgegangen.

Von Christine Pander

Das Bunkerhotel ist wohl mit Abstand das kurioseste, was Stuttgart je besessen hat. Wer heute die dreißig Treppenstufen fünf Meter in die Tiefe hinabsteigt, findet die ehemalige Unterkunft wenig komfortabel vor: Blümchentapeten wellen sich von den Wänden des alten Bunkerhotels, Kacheln bröckeln, und in den Gängen wuchert der Schimmel, der pustelförmig an den Wände entlang wächst. In diese Stuttgarter Unterwelt ist nicht nur der Verfall, sondern auch eine neue Generation von Bewohnern eingezogen: schimmlige Mikroorganismen fühlen sich hier besonders wohl, so scheint es.

Schutz für 3000 Menschen

Als die 2000 Quadratmeter messende Anlage 1940 gebaut wurde, umrahmten noch prächtige, jahrhundertealte Gebäude den Marktplatz. Die Stadt plante aufgrund eines Führererlasses einen als Tiefgarage verwendbaren Bunker mit Platz für 3000 Menschen, die dort während der Kriegsjahre ausharrten, bis die Bomberstaffeln den Luftraum über Stuttgart wieder verlassen hatten. Als der Bunker seinen Zweck erfüllt hatte, umgaben ihn nur noch Ruinen.

Blümchentapeten und Lampenschirme

Weil nach dem Krieg akute Wohnungsnot herrschte und es außerdem an Unterkünften für die Flüchtlinge mangelte, pachtete Familie Zeller das Bauwerk und machte aus ihm das erste Bunkerhotel Deutschlands – neunzig Gästezimmer, geschlafen wurde anfangs auf Feldbetten. Für Individualität war selbst im kleinsten Bunkerloch Platz: Hannelore Zeller hatte die Zimmer mit verschiedenen Tapeten und Lampenschirmen ausgestattet. Mittlerweile sind sie zu stillen Zeugen des Kulturwandels geworden.

Bauernmalereien im Frühstücksraum

Kein Tageslicht, die kleinste Kammer misst gerade einmal 2,60 auf 2,80 Meter, und die Tür, die hinter jedem Hotelgast ins Schloss fällt, ist aus massivem Stahl – Luxus ist anders. 1946 kostete die Übernachtung 4,40 Reichsmark, das Frühstück 2,65. Prominente Gäste wie die Filmstars Hans Albers oder Margot Hilscher haben darin übernachtet, als Deutschland noch in Trümmern lag. „Ein gepflegtes, unterirdisches Hotel“, schrieb die „Stuttgarter Rundschau“ damals. Bauernmalereien verzieren noch heute die Türen zum ehemaligen Frühstücksraum, und über dem einstigen Kamin verwittert ein Sinnspruch: „Der Teufel ist hier ungebeten.“

Geöffnet bis ins Jahr 1985

Wo sich früher die Gäste an der Rezeption angemeldet haben, benetzen heute Pfützen den Steinfußboden, die Tapeten mit dem 60er Jahre-Design blättern auch hier von den Wänden. Bis in die 80er Jahre hinein haben im Bunkerhotel Gäste übernachtet und die schaurig-exotische Bleibe erlangte bisweilen sogar Kultstatus. Gelohnt hat sich der Hotelbetrieb offenbar bis 1985, denn erst angesichts drohender Renovierungskosten in Höhe von zwei Millionen Mark wurde das Hotel geschlossen. Die Stadt sanierte bis Anfang der 90er Jahre ihre Bunker. Pläne für den Katastrophenfall liegen auch heute bereit: in den Schutzräumen unter den Gleisen eins bis drei des Hauptbahnhofes fänden 4500 Menschen Zuflucht. In die S-Bahnhaltestelle Stadtmitte würden zwei Langzüge einfahren – auch hier kämen mehr als 4000 Stuttgar­ter unter.

Fünf Meter unter der Erde

Der Bau fasziniert und regt auch immer wieder die Fantasie an. Die Freien Wähler des Gemeinderats setzten sich 2006 für eine Öffnung des Hotels ein. Der Oberbürgermeister lehnte dies ab. Regelmäßig scheinen auch Investoren anzufragen. Ein unterirdisches Einkaufsparadies war geplant, aber schnell auch wieder verworfen. Nur ganz selten wird das Hotel für ein paar Stunden geöffnet, zum Beispiel für die Lange Nacht der Museen. In der Stille der Vergessenheit existiert es ungestört – fünf Meter unter der Stuttgarter Erde.


Kommentare

von Sigurd Hinterwaldner, am 15.09.2009 17:14 Uhr

als Kind war ich ab und an in diesem Hotel, nicht als Gast sondern bei dem auch dort vorhandenen Friseur zum haareschneiden. War schon interessant damals dort in die Tiefe zu steigen. Ich finde es schade das es nicht zumindest als Kulturdenkmal erhalten wird und regelmäßige Öffnungszeiten zum besichtigen hat. Könnte mit auch vorstellen das sicher als Nostalgiebunkerhotel einige Übernachtungen erhalten würde. Ich selber würde das gerne mal wieder besichtigen.



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