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Die Queen besucht Stuttgart

1965

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Tausende von Menschen haben am 24. Mai 1965 an der Straße gestanden und der Queen zugejubelt. Sie auch? Bereichern Sie unser Topthema mit Ihrem Zeitzeugenbericht und Ihren Fotos - wir sind gespannt.

Der 24. Mai 1965 war ein legendärer Tag. Die britische Monarchin besuchte zusammen mit ihrem Mann Prinz Philip die baden-württembergische Landeshauptstadt. An der Seite von Ministerpräsident Kurt-Georg Kiesinger fuhr sie bei bestem Wetter im offenen Mercedes durch die Stadt.

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Um den Besuch der englischen Königin Elizabeth II. und ihres Gemahls Prinz Philip in der Landeshauptstadt ranken sich viele Legenden. Wahr ist, dass der Besuch am 24. Mai 1965, 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ein ganz besonderer war – Pannen und Improvisationen inklusive. Im Anschluss an diesen Text gibt es die Rede der Queen noch in der Originalfassung.

Von Christine Pander

Was nicht passt, wird schwäbisch-pragmatisch passend gemacht. Damit kommt man der ersten Legende um den königlichen Montag vom 24. Mai 1965 schon ziemlich nahe: die Stuttgarter Gastgeber griffen der Legende nach nämlich ordentlich in die Trickkiste, um die Stadt queengerecht aufzuhübschen: weil der Rasen um den Fernsehturm herum nicht pünktlich zum großen Event sprießen wollte, half die Stadt mit giftgrüner Sprayfarbe nach. Auf den Schuhsohlen der Schaulustigen soll diese Rasenkosmetik eindeutige Spuren hinterlassen haben.

Legende Nummer zwei geht auf das Konto von Prinz Philip. Er konnte angeblich nach der Besichtigung des Fernsehturms seine Finger nicht bei sich lassen. Diese Geschichte kursiert unter dem Namen „offener Mercedes 300“. In besagtem Wagen wurden Prinz Philip und Frau Kiesinger durch die Stadt kutschiert. Nach der eingeplanten Fernsehturm-Visite sprang der Wagen jedoch nicht mehr an. Die prominenten Gäste stiegen in einen geschlossenen Ersatzwagen um. Gut informierte Kreise wussten damals genau, was vorgefallen war: Der Prinz habe so ausgiebig an dem elektrischen Fensterheber herumgespielt, bis die Batterie leer war.

„Wo sind die Pferde?“

Wer nun denkt, es kann eigentlich nicht mehr besser kommen, der täuscht sich. Die dritte Legende ist an Originalität kaum mehr zu überbieten. Sie geht so: Auf der königlichen Besichtigungstour stand auch das Schillermuseum in Marbach. Dort soll die irritierte Queen allerdings etwas Tierisches vermisst haben. „Where are the horses?“, habe sie bei ihrem Rundgang im Schillermuseum gefragt, weil sie angeblich davon ausgegangen war, sie besichtige das Gestüt Marbach.

Abseits der Legenden gibt es natürlich auch harte Fakten, knallhart recherchiert von den damaligen Kollegen der StZ. Der Himmel über Stuttgart war zwar nicht königsblau, und auch der rote Teppich hatte unter dem frühmorgendlichen Regenschauer gelitten. Trotzdem kamen rund 500.000 Zaungäste, um Königin Elizabeth und Prinz Philip zu sehen. Bereits um halb neun in der Früh waren alle Fensterplätze entlang der Fahrtroute belegt. Mit Klappstühlen, Küchenleitern und Hockern ausgesattet, war ganz Stuttgart auf den Beinen. Dabei schreckten die royalen Anhänger auch davor nicht zurück, auf Kiosk-Vordächer, Bäume und Telefonhäuschen zu klettern.

Mit Ankunft der Queen wurde das Wetter königlich

Punkt zehn Uhr kam Queen Elizabeth II. mit dem stahlblauen Sonderzug 10 297 im Hauptbahnhof an und wurde dort von Ministerpräsident Kurt-Georg Kiesinger, dem Präsidenten des baden-württembergischen Landtags Franz Gurk sowie dem Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett begrüßt. „Elizabeth trug einen eleganten, geraden, kragenlosen offenen Mantel aus primelgelbem Wollstoff, dessen Rückenpartie von der Taille bis zum Saum geschlitzt war. Unter dem Mantel trug die Queen ein Seidenkleid in jadegrün und Primelgelb, dazu weiße Handschuhe, und einen Hut aus Blütenblättern in gelber Seide. Mit sich geführt hat sie außerdem zwei braune Lederhandtaschen und ein schwarzes Handköfferchen,“ schrieb die Presse damals.

Auch Prinz Philip zog die Blicke auf sich. Die linke Hand, so hat es der Reporter damals beobachtet, „steckte in legerer Weise in der Rocktasche seines sportlich-elegant geschnittenen dunkelblauen Anzuges.“ Fröhlich habe er mit seiner rechten den braunen Hut zum Gruß geschwenkt. Selbst das Wetter wurde königlich: „Kaum dass die hohe Frau erschienen war, brach die Sonne sieghaft durch die Wolken, sie brannte auf die schwarzen Prominentenautos und in die U-Bahn-Schächte, auf den schamhaft versteckten Planiedurchbruch und auf den Fernsehturm, der sich langsam aus dem Morgendunst der Stadt erhob.“

„Ist das eigentlich schon alles bezahlt?“

Vom Hauptbahnhof fuhr die Königin dann in einem offenen Mercedes 600 mit der symbolträchtigen Kennzeichen S-KE 600 -, eskortiert von der polizeilichen Motorradstaffel, 15 sogenannten Rau-Reitern, zum Neuen Schoss, wo die Landesregierung einen Empfang vorbereitet hatte. Vor allem Prinz Philip war vom Neuen Schloss angetan. Während des Empfangs soll er beeindruckt vom bombastischen Empfang und den schönen Bauten rund um den Schlossplatz erstaunt gefragt haben: „Ist das eigentlich schon alles bezahlt?“

Eigentlich war es quasi ein Heimaturlaub, den die Queen in jenem Land verbrachte, mit dem sie verwandtschaftlich verbandelt war. Immerhin wurde die erste württembergische Königin Charlotte Mathilde einst als Tochter des britischen Königs Georg III. geboren. Im Jahre 1797 war der damalige württembergische Herzog Friedrich nach London gereist, um der englischen Prinzessin den Hof zu machen – und schon die erste Begegnung mit seiner späteren Gemahlin sollte ihn nachhaltig beeindruckt haben. Jedenfalls schrieb er in einem Brief an seine Mutter: „Sie hat einen frischen Teint, und an ihr nicht-schönes Gesicht gewöhnt man sich rasch.“

Kiesinger betont die Landesbeziehungen nach England

Als Elizabeth II. knapp 168 Jahre später in der Wahlheimat ihrer Ahnen eintraf, betonte Ministerpräsident Kiesinger in seiner Begrüßungsrede, dass vor allem die industrielle Entwicklung in Württemberg und Baden sehr stark von England beeinflusst worden sei, und gegenwärtig verbände ein lebhafter Handel und starke wirtschaftliche Beziehungen die beiden Länder. Es sei zu hoffen, dass sich diese Beziehungen erweitern. Man könne jedoch nur bestehen, wenn die Völker Europas so eng wie möglich zusammenarbeiten. Deshalb sei es ein aufrichtiger Wunsch, dass England an diesem Prozess der Einigung Europas teilnehmen.

Durch die Pischekstraße im Stuttgarter Osten, die eigens für den Besuch ausgebessert worden war, wie der Berichterstatter vermerkte, fuhren die britischen Gäste dann zum Fernsehturm, wo Oberbürgermeister Arnulf Klett zum Empfang der Stadt geladen hatte. Wer die Queen trifft, muss das Begrüßungszere­moniell intus haben, soviel ist klar. Allerdings verlief dann genau jenes eben nicht ganz so perfekt ab wie zuvor in der Probe. Dort waren der städtische Protokollchef Heinz Hermann in die Rolle der Queen Elizabeth II. und der Chef des Nachrichtenamtes, Stadtdirektor Sautter, in die Rolle des Herzogs geschlüpft.

Maultäschle-Suppe für die Königin

Als die richtige Königin sich zeigte, versank Frau Klett in einen tiefen Hofknicks, den die beiden Töchter mit kindlicher Grazie vollendet nachmachten, notierte der Berichterstatter. Entgangen war ihm auch nicht, dass Kletts Sohn eigens für den großen Tag eine Fliege umgebunden hatte. Geschenke wurden hin und hergereicht – Elizabeth II. bekam ein kostbares Mokkaservice der Ludwigsburger Porzellanmanu­faktur. Oberbürgermeister Arnulf Klett erhielt im Gegenzug ein Bild der Queen mit königlicher Widmung, der Ministerpräsident eine Schreibgarnitur – auch diese mit Widmung. Zum Mittagessen, das vom Zeppelin-Hotel zubereitet wurde, gab es Räucherlachs, Maultäschle-Suppe in der Kraftbrühe, badische Spargelspitzen, schwäbischer Schlachtbraten und natürlich hausgemachte Spätzle.

Die Königin, an das exotische schwäbsche Essen nicht gewöhnt, nahm Amtshilfe in Anspruch. Während des Essens erkundigte sie sich bei ihrem Platznachbarn Herrn Kiesinger, wie Spätzle eigentlich zu verzehren seien. „Sie nahm auch die Mitteilung des Chefkoches, dass auf ein Kilogramm Mehl zehn frische Eier verwendet worden seien, mit der Aufmerksamkeit einer guten Hausfrau entgegen“, notierte der aufmerksame Berichterstatter.

Neunmal wurde der rote Läufer von Staub gereinigt

Nach dem Empfang winkte Elizabeth II. vom Balkon aus der jubelnden Menge zu und wurde dann weiter ins Schillermuseum kutschiert. „Auch hier“ so schreibt die Stuttgarter Zeitung, "waren die Straßen dicht gesäumt von Menschen, die die hohen Gäste jubelnd und fähnchenschwingend willkommen hießen. Als der Konvoi um 15.55 Uhr eintraf, hatte Hausmeister Kierkamm vor dem Schiller-Nationalmuseum gerade zum neunten Male den roten Läufer vom letzten Stäubchen gereinigt. Dass die Queen anschließend nach Pferden gesucht haben soll, ist zwar eine hübsche Anekdote, entstammt aber leider dem Reich der Legenden.


Die Rede der Queen in Stuttgart

Wir dokumentieren hier die Rede von Königin Elisabeth II, die Sie bei ihrem Besuch in Stuttgart im Mai 1965 in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Hans-Georg Kiesinger hielt: (Wortlaut nach der Stuttgarter Zeitung vom 25. Mai 1965)

"Herr Ministerpräsident, es bereitet mir große Freude, als ihr Gast in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs zu weilen, eines Landes, das zu Recht seiner landschaftlichen Schönheit wegen berühmt ist und dessen Bevölkerung ihres Fleißes und handwerklichen Könnens wegen gleichen Ruhm besitzt.

An diesem Tage bedauere ich nur, dass Bundespräsident Heuss nicht mehr unter uns weilt, um mir seine Heimat zu zeigen, von der er mir erzählte, als er 1958 London besuchte und mich daran erinnerte, dass in meinen Adern auch schwäbisches Blut fließe.

In der Tat hatte meine Großmutter viele glückliche Erinnerungen an Besuche, die sie ihren Verwandten väterlicherseits in der näheren Umgebung Stuttgarts abgestattet hatte. In Baden-Württemberg reicht, wie in England, die Geschichte der Freiheit und der parlamentarischen Regierungsform viele Jahrhunderte zurück. In unserem Zeitalter, das die Erschließung des Weltraums erlebt, bleiben beide so wichtig wie eh und je und bilden ein festes Bindeglied zwischen jenen, denen diese Werte teuer sind. Ich bin deshalb besonders erfreut, heute morgen hier die Mitglieder ihres Kabinetts und Abgeordnete des Landtages kennenzulernen.

Der liebenswürdige Willkomm, den Sie uns heute in diesem so glanzvoll wiederaufgebauten schönen Saal bereitet haben, versinnbildlicht in geeigneter Weise die Erinnerung unserer alten Verbindungen. Wir haben bereits die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Bevölkerung Stuttgarts erlebt. Wir freuen uns außerordentlich auf den Tag, den wir hier verbringen, sowie auf unseren Besuch am Nachmittag in Schillers Geburtshaus in Marbach und in der alten Reichsstadt Schwäbisch Hall.

Herr Ministerpräsident, ich danke Ihnen sehr aufrichtig für die Gastfreundschaft, mit der Sie uns ehren, für Ihre bewegenden Begrüßungsworte und für Ihr Gastgeschenk, das ich hoch schätzen werde, spricht es doch zu mir von den neuen wie von den alten Bindungen, die uns mit diesem Land verknüpfen."


Kommentare

von roland theophil, am 28.12.2015 15:46 Uhr

Auch ich stand mit meiner Oma als kleiner Junge am Straßenrand und winkte mit den verteilten Papierunionjacks. Roland Theophil Spiegelberg



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